Zwischen den Stühlen – Autist oder NT?

Es rumort in mir, und es muss raus. Ich muss wieder schreiben, denn in meinem Kopf hat sich jede Menge Matsch angesetzt. Den Frust muss ich mir von der Seele schreiben.

Ich sitze in der Redaktion und kann mich nicht konzentrieren. Überhaupt nicht. Denn die ganze Zeit läuft der Fernseher, und ich kriege nichts mehr zustande. Da hat sich ein Co-Pilot das Leben genommen und 149 Menschen mit in den Tod gerissen. Ich bin fassungslos, fertig, erschöpft. Gedanken und Emotionen kreisen in meinem Kopf. Ich bin jetzt zu nichts mehr fähig. Meine Bewegungen und Gedanken werden zur Zeitlupe.

Nein, etwas stimmt nicht mit mir. Ich kann nicht aus mir herausgehen. Ich kann es einfach nicht, weil mich alles fertig macht. Ich halte es beispielsweise nicht aus, wenn ich längere Zeit stehen muss. Ich muss mich hinsetzen. Und jetzt sitze ich. Zwischen den Stühlen.

Man hat mir vorgeworfen, ich wäre zu sehr auf das Thema Autismus fixiert, würde mich zu sehr als Autist identifizieren. Gut, löschte ich eben in einer Kurzschlussreaktion meinen Blog und machte bei einem anderen mit. Dann der nächste Schlag: Ein Neurologe sagte, mit mir sei alles in Ordnung. Kein Autismus, keine Persönlichkeitsstörung, nicht das kleinste Problem, das mich belasten würde.

Gut, ich arbeite als Journalist. Gut, ich habe eine Partnerin. Gut, ich habe auch Freunde. Das heißt aber alles noch lange nicht, dass ich keine Kontaktstörung habe. Mir fällt es schwer, auf Menschen zuzugehen, meinen Willen mit Nachdruck zu vertreten und auch durchzusetzen und zum richtigen Zeitpunkt das richtige zu tun. Und auch die Gefühle und Absichten meines Gegenübers zu erkennen. Ich habe dafür kein Gespür.

Das kommt davon, wenn man, wie dieser Neurologe, von dem ich an anderer Stelle berichtet habe, ERGEBNISORIENTIERT arbeitet. Gut, dieser Mann hat in seinem Leben einiges erreicht. Aber mich dann im Gespräch jedesmal abwürgt, wenn ich ihm erzähle, WIE ich es erreicht habe. Gut, ich habe gelernt, mich irgendwie durchzumogeln, nicht sonderlich aufzufallen. Vielleicht schon als ungewöhnlich ruhig (für einen Journalisten), möglicherweise als etwas verschroben. Aber nicht als das, was ich mich fühle: KOMPLETT ANDERS.

Ich suchte Zuflucht in einer glücklichen Beziehung. Diese Beziehung ist bis heute glücklich, und ich hoffe, dass sie es noch lange bleibt. Nur: Irgendwann kehrt in jeder Beziehung der Alltag ein. Das Serotonin nimmt ab, das Oxytocin nimmt zu, und ich stelle fest, dass ich die Probleme nicht gelöst habe, sondern nur verdrängt. Wenn etwas geleugnet wird, verschwindet es nicht. Dabei kann ich diese Probleme nicht in Worte fassen. Es ist dieser Matsch im Kopf, dieser Mangel an Konzentration, an Motivation.

Wenn ich zum Beispiel zu Hause mein Zimmer aufräume, brauche ich nur etwas interessantes zu finden, und schon beschäftige ich mich damit. Das, was ich eigentlich wollte, habe ich vergessen. Im Internet ist es genauso. Ich suche während der Arbeit irgend etwas, bleibe irgendwo hängen, und schon habe ich vergessen, was ich eigentlich wollte. Die Welt ist voller Ablenkungen, und diese halten mich ebenso von den wirklich wichtigen Dingen ab, wie die Tatsache, dass mich die wirklich wichtigen Dinge eigentlich nicht interessieren und ich mich dazu zwingen muss.

Das war schon in der Grundschule so. In der zweiten Klasse stand bei mir im Zeugnis: „Lohengrin hat weiterhin große Schwierigkeiten, sich in die Klassengemeinschaft und Schulordnung einzugliedern.“ Und in einem Brief an die Eltern stand: „Er nimmt dann z.B. einen Bleistift und trommelt damit auffallend auf den Tisch, er macht zuweilen unangemessene Bemerkungen zu den Anweisungen der Lehrkräfte oder er läßt die Mitarbeit vermissen und kommt dann nicht zum Abschluß einer ihm aufgegebenen Aufgabe, die seine Mitschüler längst erledigt haben.“ Dabei wimmelte es in meinem Zeugnis nur so von Einsen und Zweien. Heutzutage würden da doch bei jedem Schulpsychologen die Alarmglocken für ADS oder Autismus schrillen.

Klar, der Neurologe sagte, ich solle die Vergangenheit ruhen lassen. Aber kann man das denn, wenn die Vergangenheit vielleicht Hinweise liefert auf die Probleme der Gegenwart?

Da mich diese ganze Geschichte „Spektrum oder nicht?“ zeitweise sehr belastete, auch und vor allem wenn manchmal meine Freundin noch damit anfing, wollte ich damit nichts mehr zu tun haben. Mir gefielen eigentlich die Ansichten des Neurologen. Gut, wer im Leben vieles erreicht hat und damit gut klar kommt, der kann keine psychische Störung haben (unabhängig davon, um welche es sich bei mir auch immer handeln mag). Also klar: Ich bin neurotypisch. Und identifiziere mich damit ebenso massiv wie zuvor mit Autismus.

Aber das kann es auch nicht sein. Warum ist für mich vieles so anstrengend, was andere mit Leichtigkeit schaffen? Warum schrecke ich momentan regelrecht davor zurück, wenn ich einen Termin wahrnehmen soll? Das soll nach Möglichkeit jemand anderes machen. Pressekonferenz, ja, das lasse ich mir gefallen. Aber Jahresempfang? Zig Menschen auf einmal begegnen? Auf keinen Fall.

Und dann diese Unruhe in der Redaktion, ich kann mich nicht konzentrieren, der Flugzeugabsturz nimmt mich emotional mit. Und dann denke ich an alles mögliche quer durcheinander. Und wie toll es ist, endlich eine glückliche Beziehung zu haben. Nur dass ich seitdem noch weniger geregelt bekomme, weil alles viel weniger planbar ist. Weil sämtliche Routinen plötzlich Makulatur geworden sind. Ich sage mir: Du bist neurotypisch, also verhalte dich auch so, aber es funktioniert nicht.

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich genieße es. Ich war lange genug Single gewesen, und jetzt will ich eben mit einer Frau zusammen etwas aufbauen – so etwas wie ein gemeinsames Leben. Aber es fällt mir schwer, mich von alten Gewohnheiten zu verabschieden – auch wenn ich es selbst so will und spüre, dass es gut für mich ist.

Und das Lange-Bank-Problem? Der Neurologe sagt, das wäre auch bei seinen Kollegen so. Aber es gibt eine Grenze zur Krankhaftigkeit. Ich komme nicht dazu, wichtige Formulare auszufüllen, aber ich komme dazu, diesen Blog zu schreiben – trotz Acht-Stunden-Job, trotz Partnerschaft. Ich kann einfach mein Leben nicht organisieren. Wenn man denkt, mit einer Partnerschaft lasse sich alles lösen: Falsch gedacht. Aber die Partnerschaft ist das Salz in der ansonsten eher faden Suppe des Lebens.

Man mag mir vielleicht die Frage stellen: Bist du im Spektrum? Ich antworte mit: Ich weiß es nicht, aber ich werde es wohl im Herbst erfahren. Man mag mir die Frage stellen: Identifizierst du dich als im Spektrum? Ich würde mit einer Gegenfrage antworten: Ist das relevant? Vielleicht, wenn man in Schubladen denkt und allem seinen Stempel aufdrücken muss.

Vielleicht braucht man diese Schubladen auch, um eines Tages Hilfe zu bekommen und nicht an sich selber zu verzweifeln. Aber letzten Endes: Habe ich überhaupt die Berechtigung, einfach zu behaupten, ich sei Autist oder ich sei neurotypisch, ohne dass ein Experte zumindest eines von beidem bestätigt hat? Nein, habe ich nicht. Ich sitze zwischen den Stühlen.

Übrigens hat zwei Tage nach meinem Besuch beim Neurologen meine Psychiaterin gesagt, sie sei komplett anderer Ansicht und bleibe bei dem Verdacht, ich hätte eine Autistische Spektrumsstörung. Vielleicht hat sie ja recht. Vielleicht aber auch nicht.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Persönliches abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Zwischen den Stühlen – Autist oder NT?

  1. Frau Anders schreibt:

    Schön, daß du wieder schreibst. Ich glaube ja, daß schreiben generell helfen kann sich zu sortieren. Ich lese gerne von dir, teile ich selber doch auch viele dieser Gedanken im Alltag und es hilft mir sehr zu sehen daß sich auch andere damit rumschlagen weder so richtig autistisch noch so richtig normal zu sein. Muß man sich eigentlich immer für eine Seite entscheiden?

    Gefällt 1 Person

  2. Bernadett Strenger schreibt:

    Guten Morgen! Ich würde sagen, du bist hochsensibel. Vielleicht auch noch ein hochbegabter Scanner ( vielbegabt und an allem möglichen interessiert) das word zur Stolperfalle….. Denke, du wägst genau ab, wem du doch öffnest. Durch grosse Empathie, die dir vielleicht noch gar nicht bewusst bist, magst du mit einigen Menschen erst gar nicht in Kontakt kommen…was meinst du zu der Idee? Herzliche Grüsse!

    Gefällt mir

    • anomaspe schreibt:

      Berufsbedingt komme ich leider mit sehr vielen Menschen in Kontakt und kann oft nicht einschätzen, ob sie mir wohlgesonnen sind. Deshalb bin ich da auch sehr vorsichtig. Zur Hochsensibilität gehört eben Empathie dazu, und die kann ich bei mir eben nicht entdecken. Ob sie unbewusst vorhanden ist… Keine Ahnung. Jedenfalls habe ich an Stellen enorme Defizite, die anderen Menschen sehr leicht fallen, während mir manches sehr leicht fällt, worüber sich andere Menschen nur wundern.

      Gefällt 1 Person

      • Bernadett Strenger schreibt:

        Sicher sind da schon autistische Züge dabei….Asperger würde eher passen, oder? Da du ja trotzdem teilnimmst am öffentlichen Leben. Ausser, dass du Gefühle und Regungen der anderen nicht so wahrnehmen und spüren kannst, was gibt es denn noch, was für dich besser oder anders sein müsste, damit du glücklich bist?

        Gefällt mir

  3. anomaspe schreibt:

    Meine Probleme erstrecken sich über drei Felder: Zum einen, dass ich immer sehr unsicher bin, was soziale Gepflogenheiten angeht, dass ich mich schwer dabei tue, Anschluss zu finden oder Netzwerke aufzubauen, dass ich Probleme mit dem Telefonieren habe, dass ich aber auch nicht so gut nein sagen kann oder in eher unpassenden Momenten nein sage, also irgendwie kein Gespür dafür habe. Zweitens, dass ich sehr viel prokrastiniere – bis zur Unmöglichkeit oder zum persönlichen Nachteil, drittens, dass ich einfach sehr schnell erschöpft bin und Stress nicht so gut vertrage. Diese Erschöpfung äußert sich aber vor allem auch an Fehlfunktionen des Gehirns, dass ich schneller und leichter verwirrt bin oder dass mir einfach alles zu viel wird.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s